176th Annual General Conference, April 2006

Ein mitf?hlendes Herz und eine hilfreiche Hand

Bischof H. David Burton
Pr?sidierender Bischof

Ich bitte einen jeden von Ihnen, der mit einem mitf?hlenden Herzen und einer hilfreichen Hand so vielen anderen ihre Last erleichtert hat, meinen herzlichen Dank anzunehmen.

Gestern Abend waren meine Frau und ich ein wenig chinesisch essen. In meinem Gl?ckskeks fand ich die Worte: „Der Stress, den Sie im Moment durchmachen, wird sich bald aufl?sen.“ Das stand da wirklich!

Als sich einige M?nner eines Tages mit dem Propheten Joseph Smith unterhielten, erreichte sie die Nachricht, dass das Haus eines Bruders, der nur wenig besa? und der etwas au?erhalb der Stadt lebte, niedergebrannt worden war. Jeder brachte sein Bedauern ?ber das Geschehene zum Ausdruck. Der Prophet h?rte einen Augenblick zu, „griff in die Hosentasche, holte f?nf Doller heraus und sagte: ?Mein Bedauern f?r diesen Bruder ist f?nf Dollar wert. Wie viel ist eures wert??1 Die spontane Reaktion des Propheten ist bezeichnend. Voriges Jahr haben Millionen von Ihnen auf die Sorgen anderer Menschen mit ihren Mitteln, einem mitf?hlenden Herzen und einer hilfreichen Hand reagiert. Danke f?r ein so wunderbares Ausma? an Gro?z?gigkeit!

Mitgef?hl f?r andere war schon immer ein wesentlicher Charakterzug der Mitglieder der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Der Prophet Alma sagte:

„Ihr [habt] den Wunsch ?, in die Herde Gottes zu kommen und sein Volk genannt zu werden, und [seid] willens ?, einer des anderen Last zu tragen, damit sie leicht sei, ja, und [seid] willens ?, mit den Trauernden zu trauern, ja, und diejenigen zu tr?sten, die des Trostes bed?rfen.“2

Der Erretter forderte uns auf: „Steh den Schwachen bei, hebe die herabgesunkenen H?nde empor, und st?rke die m?den Knie.“3

Ich habe aus erster Hand beobachten k?nnen, wie sich Heilige der Letzten Tage und Andersgl?ubige, die ein mitf?hlendes Herz und eine hilfreiche Hand hatten, einsetzten, und wie einer des anderen Last trug. 4 Ich war sehr betroffen, als ich gewaltige Zerst?rungen sah und mit Opfern zusammentraf, die ohne Hoffnung waren.

In den letzten Jahren hat Mutter Natur ihre vergeltende Macht und ?berlegenheit auf ungew?hnliche und m?chtige Weise demonstriert. Ende Dezember 2004 verursachte ein schreckliches Erdbeben vor der K?ste Indonesiens einen t?dlichen Tsunami, der Tausende das Leben kostete und ihre Hinterbliebenen ersch?ttert zur?cklie?. Unter der Leitung ?rtlicher Priestertumsf?hrer und ?lterer Missionarsehepaare wurde sofort Hilfe organisiert. Krankenh?user, Ersthelfer und kommunale Stellen in Indonesien, Sri Lanka, Indien und Thailand wurden mit dem N?tigsten versorgt.

Innerhalb kurzer Zeit reisten mehrere Mitglieder der Kirche in eines der Gebiete, die am schwersten betroffen waren – die Provinz Aceh im Norden Sumatras. Schwester Bertha Suranto, eine JD-Leiterin aus Jakarta, fuhr mit ihren Mitarbeitern im Lastwagen Material aus, das ben?tigt wurde, um Leben zu retten und denjenigen Linderung zu verschaffen, die so viel verloren hatten.

„Jedes Mal, wenn wir in ein Dorf kamen“, sagte Bertha, „wurden wir von Leuten umringt, die uns Nahrungsmittel zur Verteilung anboten – und wenn es nur ein bisschen Reis oder ein paar Fische aus dem Meer waren. Von der Moschee aus riefen die Ortsvorsteher dann aus, dass eine weitere Spende von der Jesuskirche angekommen war.“

Als die dringendste Not gestillt war, ging man l?ngerfristige Projekte an. Jetzt werden Pl?ne f?r den Bau von ?ber tausend festen H?usern und den Wiederaufbau von Krankenh?usern und Schulen umgesetzt. Den Bewohnern der D?rfer wurde geholfen, Fischerboote und Netze zu ersetzen. Webst?hle und N?hmaschinen wurden an Familien verteilt, damit sie wieder f?r sich selbst sorgen k?nnen.

In Nordpakistan und Indien gab es das st?rkste Erdbeben in dieser Gegend in hundert Jahren. Dabei kamen Tausende um, und viele blieben obdachlos zur?ck. Wegen des rauen Winters in der Region musste man sich nicht nur um die Verletzten, sondern auch um die obdachlos Gewordenen Sorgen machen.

Vier Tage nach dem Erdbeben stellte die Islamic Relief Agency eine 747-Frachtmaschine zur Verf?gung, die schnell randvoll mit Decken, Zelten, Hygiene-P?ckchen, medizinischem Bedarf, Schlafs?cken, M?nteln und wasserdichten Planen aus den Lagerh?usern des Bischofs beladen wurde. Gro?container mit weiteren Hilfsg?tern und Winterzelten f?r ?ber 75 000 Menschen wurden auf dem Luft-, Land- und Seeweg verschickt.

Als Mittelamerika von ?berschwemmungen heimgesucht wurde, wurden Gemeindeh?user als Notunterkunft f?r Evakuierte ge?ffnet. In den f?r Fahrzeuge unerreichbaren Gebieten schnallten sich Mitglieder der Kirche die Versorgungsg?ter auf den R?cken und ?berquerten ?ber die Ufer getretene Fl?sse und t?ckisches Gel?nde, um denen, die in Not waren, zu helfen.

Nach b?rgerkriegs?hnlichen Unruhen im Sudan sind ?ber eine Million Menschen auf der Suche nach Sicherheit aus ihrer Heimat geflohen. Viele Fl?chtlinge liefen hunderte von Meilen durch unwirtliches Gel?nde und kamen dann in Fl?chtlingslagern an, wo sie ihre Angeh?rigen suchten und sich verarzten lie?en.

Es wurde auch Atmit geliefert, ein vitaminreicher Brei, der sich bei der Rettung hungernder Kinder und ?lterer Menschen als hilfreich erwiesen hat. F?r medizinische Hilfsg?ter und tausende Hygiene- und Baby-P?ckchen wurde ebenfalls gesorgt.

Die Kirche hat sich mit anderen bekannten Wohlfahrtseinrichtungen zusammengeschlossen und an der Impfung von Millionen afrikanischer Kinder mitgewirkt, um die Masern auszurotten. Zweitausend treue Mitglieder in Afrika halfen viele Stunden lang ehrenamtlich dabei mit, die Werbetrommel zu r?hren, die Kinder herbeizuholen und die Impfung zu verabreichen.

Die Wirbelsturmperiode des Jahres 2005 im S?den der Vereinigten Staaten und in der westlichen Karibik war die kostspieligste und verheerendste, die jemals verzeichnet wurde. Ein Sturm nach dem anderen peitschte von Honduras bis Florida ?ber H?user und Gesch?fte. Tausende ehrenamtliche Helfer waren unter der Leitung des Priestertums jedes Mal zur Stelle, wenn ein Hurrikan zuschlug, und brachten das Lebensnotwendige mit. Mit Hygiene- und Reinigungs-P?ckchen, Lebensmitteln, Wasser, K?chenger?ten, Bettw?sche und weiteren Artikeln wurden Wohnungen wieder in Ordnung gebracht und Notunterk?nfte errichtet.

Bruder Michael Kagle fuhr mit einem LKW-Konvoi Material aus seiner eigenen Firma nach Mississippi. Viele Angestellte, die nicht unserem Glauben angeh?ren, meldeten sich jedes Wochenende freiwillig f?r die Fahrt zu den vom Sturm betroffenen Gebieten, um dort zu helfen. Unterwegs verst?ndigte man sich mit Sprechfunkger?ten. Mikes HP-Gruppenleiter, der mit seinem Pick-up nebenher fuhr, meinte, er bek?me langsam Panik, weil er so schnell fahre. Um den Konvoi abzubremsen, griff Mike zum Sprechfunkger?t und sagte: „Herrschaften, wisst ihr eigentlich, dass wir 130 fahren?“ Darauf meldete sich einer der LKW-Fahrer mit den Worten: „Ja, wissen Sie, mehr kann man aus so einem gro?en Laster nicht herausholen. Schneller geht’s nicht.“

Hunderte Dankschreiben gingen bei uns ein. Eine Krankenschwester aus Mississippi schrieb: „Ich war sprachlos. Hatte Gott meine Gebete so schnell beantwortet? Als M?nner in Schutzhelmen und Stiefeln und mit Kettens?gen in allen Formen und Gr??en aus den Tr?mmern auftauchten, liefen mir sofort Tr?nen ?ber die Wangen. Eine derart beispiellose Opferbereitschaft hatte ich selten zuvor miterlebt.“

Ich m?chte mich bei den vielen flinken H?nden bedanken, die tausende h?bsche Decken angefertigt haben, und besonders bei den nicht mehr so flinken H?nden unserer etwas ?lteren Schwestern, die au?erdem die viel ben?tigten Quilts hergestellt haben. Eine 92-j?hrige Urgro?mutter hat mehrere hundert Decken angefertigt. In ihrem Fall wurden sowohl die Erzeugerin als auch die Empf?ngerin gesegnet. Als ihr Sohn ihre Handarbeit bewunderte, fragte sie: „Meinst du, auch nur ein Mensch wird jemals eine meiner Decken benutzen?“ Der Brief einer jungen Mutter aus Louisiana beantwortet diese Frage:

„Ich wohne in Louisiana und ging wegen meiner Kinder zu einer ?rztlichen Versorgungsstelle im Ort. Dort gab man mir etwas Kleidung, Windeln, feuchte Reinigungst?cher und zwei sch?ne Babydecken. Die eine ist hinten gelb und hat vorne Fu?- und Handabdr?cke, die andere ist hellbraun mit Zebras darauf. Die Decken sind wundersch?n. Mein Vierj?hriges liebt die Zebradecke, und mein sieben Monate altes Baby kann nat?rlich nicht viel sagen. Ich wollte Ihnen und den Mitgliedern Ihrer Kirche nur Danke sagen f?r Ihre Gro?z?gigkeit. Gott segne Sie und Ihre Familie.“

Als Reaktion auf die j?ngsten Erdrutsche auf den Philippinen stellten die Heiligen in diesem Gebiet Hygiene-P?ckchen und Essenspakete zusammen, die sie zusammen mit Decken an die Bed?rftigen verteilten.

Grunds?tze der Wohlfahrt wie Arbeit und Selbst?ndigkeit werden beachtet und vermittelt, wenn ?berall auf der Welt geholfen wird. Im Jahr 2005 erhielten viele D?rfer sauberes Wasser dank neuer Brunnen. Den Dorfbewohnern wurde gezeigt, wie man Brunnen aushebt, Pumpen installiert und notwendige Reparaturen durchf?hrt.

Vor Ort wurden Familien von ehrenamtlichen Helfern und stets eifrigen Missionarsehepaaren darin geschult, ihre Nahrung mit selbst angebauten, nahrhaften Lebensmitteln zu erg?nzen, und mit entsprechenden Ger?tschaften ausgestattet.

Viele Behinderte sind mit Rollst?hlen versorgt worden, die sie unabh?ngig machen. Tausenden medizinischen Helfern wurde gezeigt, wie man Neugeborenen das Leben rettet. Fach?rzte operierten den grauen Star und stellten so das Sehverm?gen vieler Menschen wieder her. In aller Welt wurde vom Familiendienst der Kirche guter Rat erteilt.

Durch die Zusammenarbeit mit anderen etablierten und vertrauensw?rdigen Einrichtungen haben wir in vielen L?ndern Br?cken der Verst?ndigung gebaut und uns Achtung verschafft.

Dr. Simbi Mubako, fr?her Botschafter eines afrikanischen Landes in den Vereinigten Staaten, sagte: „Die Arbeit der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage beeindruckt umso mehr, weil sie sich nicht nur auf die Mitglieder der Kirche beschr?nkt. Sie erstreckt sich vielmehr auf alle Menschen aus unterschiedlichen Kulturen und verschiedenen Religionen, denn man sieht dort in jedem Menschen das Abbild Jesu Christi.“

Unser allseits beliebter Pr?sident, Gordon B. Hinckley, war ma?geblich an der Entwicklung dieser gro?en humanit?ren Arbeit beteiligt. Er hat gesagt: „Wir m?ssen uns aller Menschen annehmen. Sie sind ja alle S?hne und T?chter Gottes, des ewigen Vaters, und daf?r, wie wir mit ihnen umgehen, wird er uns zur Rechenschaft ziehen. ? M?gen wir ? ein Segen f?r die Menschheit sein, indem wir uns jedem Einzelnen zuwenden, die Unterdr?ckten und Bedr?ngten aufrichten, die Hungrigen und Notleidenden n?hren und kleiden und denen, die nicht dieser Kirche angeh?ren, Liebe und Freundlichkeit entgegenbringen.“5

Die humanit?ren Bem?hungen in der heutigen Zeit sind ein wunderbarer Ausdruck der N?chstenliebe, die demjenigen in der Seele brennt, der wirklich ein mitf?hlendes Herz und eine hilfreiche Hand aufweisen kann. Dieser selbstlose Dienst stellt wahrhaftig die reine Christusliebe dar.

Der Erretter verhei?t demjenigen gro?e Segnungen, der von sich selbst gibt: „Gebt, dann wird auch euch gegeben werden ?; denn nach dem Ma?, mit dem ihr messt und zuteilt, wird auch euch zugeteilt werden.“6

Das, wor?ber ich heute gesprochen habe, schildert nicht einmal ein Hundertstel von dem, was in den D?rfern und L?ndern ?berall auf der Welt geschieht. Wo immer ich hinreise, schl?gt mir tiefe Dankbarkeit entgegen. Ich m?chte einem jeden von Ihnen im Namen der Ersten Pr?sidentschaft, des Kollegiums der Zw?lf und des Wohlfahrtskomitees der Kirche, deren Aufgabe es ist, diese Arbeit zu leiten, unseren tiefen Dank und unsere Bewunderung aussprechen.

Mir fehlen die Worte, um angemessen die heiligen Gef?hle, die mir in der Seele brennen, ausdr?cken zu k?nnen. Das einfache Wort danke scheint fast zu banal. Ich bitte einen jeden von Ihnen, der mit einem mitf?hlenden Herzen und einer hilfreichen Hand so vielen anderen ihre Last erleichtert hat, meinen herzlichen Dank anzunehmen. Ich erflehe den reichen Segen des Herrn f?r Sie und Ihre Familien, die Sie weiterhin derer gedenken, deren Herz schwer ist und deren H?nde herabgesunken sind. Im Namen Jesu Christi. Amen.


Notes

  1. Andrew Workman, in „Recollections of the Prophet Joseph Smith“, Juvenile Instructor, 15. Oktober 1892, Seite 641
  2. Mosia 18:8,9
  3. LuB 81:5
  4. Siehe Galater 6:2
  5. „In der F?lle der Zeiten leben“, Liahona, Januar 2002, Seite 6
  6. Lukas 6:38